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Gnade

GnadeGnade (Recht)
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Gnade ist ein souveräner Akt, der rechtmäßig verhängte Strafen oder Maßregelungen zugunsten der Begnadigten aufhebt, aussetzt oder mildert. Insbesondere Monarchen oder Staatspräsidenten (in Deutschland der Bundespräsident), Ministerpräsident oder Landesminister können über Gnadenbefugnis verfügen.

Daneben ist die Gnadenlehre ein zentraler Gegenstand der Theologie, der im Christentum in engem Zusammenhang mit der Erlösungslehre steht.

Sprachgeschichte

Das deutsche Wort Gnade leitet sich von althochdeutsch ginada und mittelhochdeutsch genade her.[1] Sprachgeschichtlich verwandt ist es mit dem germanischen Wortstamm neth, dem indogermanischen *net und dem altindischen nath, was so viel heißt wie ‚um Hilfe bitten‘.[2]

Das Verhältnis von Gnade zur Autorität

Verpflichtung zur Gnade bedeutet bei Führungsentscheiden, dass die Ausnahme höher gewichtet werden soll als die Regel. Sie setzt souveräne Autoritäten voraus und betont die Freiwilligkeit ihrer Entscheidungen. Das politisch-soziale Verständnis der Gnade hat in der europäischen Geschichte eine spezifische Entwicklung erfahren.

Das Römische Reich war in der Zeit der Bürgerkriege (bis 30 v. Chr.) stark gewachsen. Der militärischen Stärke der römischen Kultur stand eine Schwäche gegenüber, das Aufgebaute zu erhalten. Der Ausweg aus der Krise war eine starke Zentralisierung der Macht um die Person eines Kaisers (zwischen 44 v. Chr. und 41 n. Chr.). Um ihre Autorität zu festigen, wurde um die römischen Kaiser ein religiöser Kaiserkult betrieben. Erlasse des allmächtigen Kaisers, die im ganzen Reich durchgesetzt werden mussten, erschienen oft unverständlich und unmenschlich. Caligula, Nero, Domitian waren abschreckende Beispiele. Zu den oft unverstandenen Maßnahmen gehörten die üblichen Kollektivstrafen seit den Massenkreuzigungen nach dem Spartacus­aufstand.[3] Die Verbindung von Gewaltmonopol und Vergeltung wurde etwa von Seneca in Frage gestellt.

In der Blütezeit des Römischen Rechts (1. bis 3. Jh. n. Chr.), und als Gegenbewegung zu ihm, gewann daher ein Autoritätsverständnis an Einfluss, dem zufolge die Untergebenen nicht nach Prinzipien, sondern individuell und verständnisvoll behandelt werden sollten. In diesen größeren Zusammenhang gehört auch der den Pharisäern zugeschriebene Legalismus im Neuen Testament. Die Pharisäer wurden politisch gefördert. Ihre Gesetzestreue passte zum Rechtsverständnis im römischen Staat. Daher stammt der ursprüngliche Antagonismus zwischen Gnade und Recht.

Im dünn besiedelten Europa des Frühmittelalters konnten die meisten Herrschaftsverhältnisse auf persönlichem Kontakt beruhen, daher war die Vorstellung der „gnädigen Autorität“ (mit Gott als höchstem Vorbild) der römischen Unterwerfung durch starke und stolze Machthaber überlegen. Autorität rechtfertigte sich durch die verpflichtende Gnade der höheren Autoritäten. Auf dem Gipfel dieser Pyramide stand das Gottesgnadentum der Monarchen.

Zur Vorstellung der Gnade gehört, dass sie von Autoritäten ausgeht, persönlich und situationsbezogen ist, dass sie nicht gefordert werden kann wie ein vereinbarter Lohn und auch sonst in keiner Weise machbar ist (wie etwa der eigene Tod, der als Gnade empfangen wird). Das strukturelle Problem einer auf Gnade beruhenden Hierarchie besteht darin, dass sie milde und gerechte (großmütige) Autoritäten voraussetzt, was nicht in jedem Fall gegeben ist. Der Konflikt verschärfte sich im Spätmittelalter, als die Landbevölkerung unter den sogenannten Raubrittern litt.[4]

In den Weltgerichts­spielen des Mittelalters wird der Grundsatz „Gnade vor Recht“ veranschaulicht. Oft wird dabei allerdings das Recht aufgewertet, mit dem Argument, dass im Härtefall die Gnade den Vorrang habe.[5] Bis zum Theater der Renaissance zeigen sich Reflexe dieser Argumentation (etwa in Shakespeares Der Kaufmann von Venedig, 1605).

Emanzipations­bestrebungen seit dem Spätmittelalter wenden sich gegen die Vorstellung der Gnade, von den Bauernkriegen bis zur Französischen Revolution. Das garantierte Recht wird in der Folge attraktiver als die Abhängigkeit von obrigkeitlicher Gnade. Die Französische Revolution stellt hier einen grundsätzlichen Wendepunkt dar, den man im Wandel des Künstlerbildes jener Zeit erkennen kann: Während Mozart noch als begnadeter Künstler gilt, der seine Begabung empfangen hat, gesteht man Beethoven ähnlich wie dem Feldherrn Napoleon zu, die bestehenden Traditionen eigenmächtig zu zerschlagen. – Oft werden Eigenmächtigkeiten mit einer Vorstellung des Naturrechts gerechtfertigt, auf das man gegenüber der willkürlichen Gnade fragwürdiger Autoritäten pochen könne.

Heute ist es nur noch in wenigen umstrittenen Fällen möglich, dass eine Autorität bestehendes Recht willkürlich außer Kraft setzt, um Gnade zu üben (Gnadenrecht, Ausnahmezustand). Im Absolutismus verstand sich der Herrscher erklärtermaßen noch außerhalb der Rechtsordnung, was selbst Friedrich der Große noch praktizierte (siehe Müller-Arnold-Fall).

Der politisch-soziale Konflikt, ob Gnade oder Recht den Vorrang haben, spiegelte sich während des Aufstrebens der Naturwissenschaften in theologischen Diskussionen: Ob Gott willig oder fähig dazu sei, Naturgesetze zu brechen, um ein Wunder zu üben. Einen berühmt gewordenen aufklärerischen Standpunkt vertrat gegen Mitte des 18. Jahrhunderts David Hume.[6]

Oft mit dem Begriff der Gnade in Zusammenhang gebracht wurden Privilegien oder Nachteile, die mit der nicht machbaren eigenen Abstammung verbunden waren – vor allem seit dem 19. Jahrhundert, als sie zunehmend in Frage gestellt wurden. Die damit verbundene Entlastung von Verantwortung und tendenzielle Ablehnung der Machbarkeit scheint noch in moderneren Begriffsbildungen auf („Gnade der späten Geburt“).

Siehe auch

  • Großmut
  • Heil

Literatur

  • Kurt Andermann (Hrsg.): „Raubritter“ oder „Rechtschaffene vom Adel“? Aspekte von Politik, Friede und Recht im späten Mittelalter. Thorbecke, Sigmaringen 1997.
  • Dieter Trauden: Gnade vor Recht? Untersuchungen zu den deutschsprachigen Weltgerichtsspielen des Mittelalters. Rodopi, Amsterdam 2000.
  • Mathias Spohr: Das gemeinsame Maß. Ansätze zu einer allgemeinen Medientheorie. Mueller-Speiser, Salzburg 2003.

Weblinks

Wikiquote: Gnade – Zitate

Anmerkungen

  1. Johann Christoph Adelung: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart. Band 2, S. 736–738 (digitale-sammlungen.de).
  2. gnade. In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm (Hrsg.): Deutsches Wörterbuch. Band 8: Glibber–Gräzist – (IV, 1. Abteilung, Teil 5). S. Hirzel, Leipzig 1958, Sp. 505–560 (woerterbuchnetz.de).
  3. Donald G. Kyle: Spectacles of Death in Ancient Rome. Routledge, London 2001.
  4. Kurt Andermann (Hrsg.): „Raubritter“ oder „Rechtschaffene vom Adel“? Aspekte von Politik, Friede und Recht im späten Mittelalter. Thorbecke, Sigmaringen 1997.
  5. Dieter Trauden: Gnade vor Recht? Untersuchungen zu den deutschsprachigen Weltgerichtsspielen des Mittelalters. Rodopi, Amsterdam 2000.
  6. Vgl. etwa Robert J. Fogelin: Defense of ‚Hume on Miracles‘. University Press, Princeton 2003.

 


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